Mungaia

Mungaia ist ein Liebeslied, mein Liebeslied für die Erde. Es ist auch ein Geschenk des Universums, das ich gerne weitergebe, summend und klingend und durch diese Geschichte.

Ich summe oder singe viel, eigentlich fast immer, während praktischen Arbeiten oder wenn ich durch die Gegend streife. Meistens sind es keine richtigen Lieder, sondern Klänge, die auftauchen, verschwinden, wieder auftauchen, und Laute.

Bevor ich zu meinem Liebeslied komme, erst dies: Manchmal ist das, was da aus mir heraustönt, nicht klangvoll, sondern eher kläglich, gepresst. Es gibt eine immer wiederkehrende Tonfolge, die ich inzwischen «mein Stresslied» nenne. Mit ihm habe ich als Kind meine Kellertreppenstrafen bewältigt. Ich weiss nicht wie oft ich auf der untersten Stufe dieser Treppe gesessen bin, den Teller mit dem Mittag- oder Abendessen auf den Knien, um darüber nachzudenken, wie ein anständiges Mädchen zu essen hat, dass es den Erwachsenen nicht ins Wort fallen und schon gar nicht widersprechen darf. «Wenn du dich eines Besseren besonnen hast, kannst du wieder heraufkommen.» Da die Kellertüre abgeschlossen war, musste ich klopfen, mich entschuldigen und versprechen, dass ich mich nun bessern wolle. So lernte ich lügen.

Lügen sind ein Hindernis beim Singen. Sie verdunkeln die Seele, drücken aufs Herz und verkrampfen den Hals. In den frühen Jahren meiner Kindheit wurde in meiner Herkunftsfamilie viel gesungen, beim Wandern, auf Autofahrten oder beim Abwaschen und Abtrocknen. Meine Mutter kannte unzählige Lieder in allen Landessprachen und auch englische – immer mit allen Strophen. Ich sang sie einfach nach, zunächst ohne die fremdsprachigen Texte zu verstehen. Wir sangen mehrstimmig, meine Mutter, ich und mein zweieinhalb Jahre jüngerer Bruder. Das ist eine meiner schönsten Kindheitserinnerungen. 

Langsam aber sicher verstummte dieser kleine Chor, im selben Masse wie das Familienleben schwieriger wurde. Im Rückblick wirkt es auf mich so, als hätten wir uns voreinander versteckt, uns geschämt. Wir zeigten uns nicht mehr. Gesungen wurde nur noch ausser Haus, institutionalisiert, in der Schule oder in einem Chor. Ich verlor die Fähigkeit, spontan ein Lied anzustimmen. Ich sang lange überhaupt nicht mehr und als ich wieder anfangen wollte, hatte sich Rost auf meine Stimme gelegt und die bekannten Lieder passten nicht mehr, weder zu mir noch zu den veränderten Zeiten.

So fing ich an zu summen und zu trällern und meine Stimmungen nonverbal auszudrücken. Das tat mir gut und gehört nun zu mir. Manchmal erkenne ich in diesem scheinbar Zufälligen plötzlich eine Tonfolge, eine kleine Melodie. Sie verschwindet und kommt später wieder, bis sie sich eines Tages in mich eingeprägt hat und ich sie bewusst erinnern kann. So erging es mir mit Mungaia. 

Als erstes waren die Klänge da. Dann vernahm ich plötzlich ein langes stimmhaftes Mmm, etwa so, wie wenn ich einem kleinen Kind über das Köpfchen streicheln und ganz leise murmeln würde: «Mmm, bisch Du es Schätzeli.» Das ging eine Zeitlang so. Dann erschien Gaia. Das merkte ich zunächst nicht, bis ich ihren Namen immer deutlicher vernahm. «Gaia» – die altgriechische Göttin der Erde; das Bewusstsein der Erde; alles was wir von der Erde sehen und alles was wir nicht sehen.  Ein Liebeslied für die Erde. Unter der Klangfolge schwingt zudem ein tiefes tragendes U, und ein N hat sich auch noch gemeldet, deshalb «Mungaia».

Während Wochen war das Lied stets bei mir. Ich ging auf meine heiligen Wanderungen, sang und klang Mungaia bei der Amaräi-Quelle, auf dem Siblinger Randenturm und beim Abstieg am Übergang vom Wald zu den Grashalden über dem Dorf. 

Eines Tages sah ich dann SIE. Eine sehr, sehr grosse Frau, die durch die Himmel schreitet. Sie ist wunderschön, hat ein ebenmässiges Gesicht, umrahmt von fliessendem Haar. Obwohl sie in ein Tuch gehüllt ist, nehme ich wahr, dass ihre Beine stark sind und ihre Füsse die Ausdauer haben, unendlich weit zu gehen. Ihre Brüste sind voll, ja übervoll an Nahrung aller Art. Aus ihren Armen und Händen fliesst ununterbrochen eine Kraft, mit der sie einem kleinen Vogel hilft aus dem Ei zu schlüpfen oder einem alten Menschen seinen Körper abzulegen oder einem Baum die Blätter auszutreiben. Sie trocknet Tränen, lacht mit den Teenagern. Ihr Tätigkeitsfeld ist unfassbar weit und gross, ebenso wie ihr ausladendes Becken und ihr stets gewölbter Bauch, in welchen beiden sie die Erde trägt, den Blauen Planeten, uns, uns alle, die wir hier leben, und alles, was uns dieses Erdenleben möglich macht.