Der Regenschirm-Engel

Ich will mich jetzt ganz genau erinnern. Es ist wichtig, auch wenn ich innerlich noch immer lieber davonlaufen würde. Das kleine Primarschulmädchen Elisabeth, also ich, steht im Haus seiner Kindheit im Vestibül. Dieser Raum gleich innerhalb der Haustüre dient als Garderobe. Ein gut gefüllter Schirmständer steht auch hier. Und auch ich stehe hier, versteckt hinter dicken Mänteln und Jacken und Regenkleidung. Ich mache mich so unsichtbar wie möglich und hoffe, dass man mich niemals findet, nie, denn ich fürchte das Schlimmste: Schimpfende überlaute Stimmen, eine Tracht Prügel und «ohni Znacht is Bett».

«Oh nein, bitte, bitte nicht!» 

Ich habe zuvor mit den Regenschirmen gespielt. Diese gefallen mir nämlich ausserordentlich gut, weil ich sie öffnen kann und ich dann diese vielen zarten Silberstäbchen sehe, welche das Dach stützen. Und wenn ich den Schirm schliesse, schwuppediwupp, sind die Stäbchen verschwunden und die farbigen Bilder und Streifen auf den Schirmen meiner Mutter und meines Mädchenschirms sehen plötzlich völlig anders aus. Mit dem grossen schwarzen Herrenschirm habe ich es nicht so. Also auf und zu die farbigen, einen nach dem andern und immer wieder von Neuem. Der Tanz der Regenschirme – bis plötzlich, jetzt, ein Schirm meiner Mutter nicht mehr richtig funktioniert und ich sehe, dass eines der Silberstäbchen leblos nach unten hängt.

Mir stockt der Atem. «Schirme sind kein Spielzeug!» Ich hätte es wissen müssen. Ich stelle meine Spielgefährten in den Ständer zurück, alle, auch den defekten. Ich erwäge, ob ich meiner Mutter sagen soll, was passiert ist. Dazu fehlt mir der Mut. Deshalb stehe ich jetzt hinter diesen dicken Kleidern, kann nur mit Mühe atmen und friere. In dem kleinen Raum ist es stickig und eiskalt. Die Ewigkeit ist sehr lange.

Ich konnte nicht bleiben. Man rief mich – zum Essen oder Geschirr abtrocknen oder weil es an der Zeit war, zu Bett zu gehen. Ich bewegte mich wie auf Eiern. Innerlich blieb ich in meinem Versteck. Heute wundere ich mich, dass ich überhaupt atmen und gehen und sprechen konnte.

Ich weiss nicht, wie viele Tage ich so herumgetappt bin. Irgendeinmal fiel mir auf, dass nie jemand etwas von einem kaputten Schirm sagte. Das fand ich seltsam. Ich hörte allen Gesprächen, vor allem denen meiner Eltern, äusserst aufmerksam zu. Nichts von einem Regenschirm. Vielleicht war es ja doch nicht so schlimm. Eines Tages hatte ich dann den Courage den Patienten zu untersuchen. Ich passte einen Zeitpunkt ab, zu dem sicher kein Erwachsener in der Nähe war. Ich nahm den Schirm und öffnete ihn, langsam, mit angehaltenem Atem. Er war ganz, alle Stäbchen perfekt. Ich stellte ihn zurück in den Ständer, sehr, sehr behutsam. Dann wurden meine Knie weich. Ich legte mich auf den gekachelten Fussboden und weinte leise und lange und der fürchterliche Druck der vergangenen Tage schwamm davon. 

Wenn ich in diesen Zeiten höre und lese, dass die Gewalt in den Familien wieder zunimmt – hat sie denn jemals abgenommen – weiss ich was das bedeutet.