Der Garten

Die kleine Prinzessin sitzt in ihrem rosenbesteckten Schaukelstuhl. Sie schaukelt. Sie schaukelt und lächelt: «Es ist das Herz, Menschenkind. Immer ist es das Herz. Folge ihm.»

Und der kleine Prinz? Er reitet durch die Weiten des Klettgaus. Er staunt. Und jauchzt: «Wie schön doch meine Eltern sind; der Himmel so hoch, die Erde so bunt und beide unendlich liebevoll.»

Um es gleich zu sagen: Das Pferd des Buben ist kein richtiges. Es ist ein kleines hölzernes Schaukelpferd. Aber es trägt und kann sehr weit traben und galoppieren, über den Rand der Erde hinaus, und wer weiss bis wohin.

Auch der Schaukelstuhl der Prinzessin hat es in sich. Beim Schaukeln ergeht es uns Menschen wie dem Uhrenpendel, das beim Hin und dann wieder beim Her stets über den Nullpunkt schwingt. Und an eben diesem Punkt liegt ein Eingang, ein Eingang in die Anderswelt.

Kennengelernt habe ich die beiden Kinder in meinem Garten. Er liegt etwas ausserhalb des Dorfes an seinem Südrand. 

Also – wirklich gesehen habe ich das Mädchen und den Buben nie, und doch waren sie plötzlich da, etwa zwei Jahre nachdem ich das Grundstück übernommen hatte. Es war eine beglückende Präsenz kleiner Kinder die spielten, lachten, sich zankten und Hunger und Durst hatten. Auch Pipi machen mussten sie ab und zu, in den Büschen. Für mich waren sie so lebendig, dass ich für sie einen kleinen Schaukelstuhl und ein Schaukelpferd kaufte. Den Stuhl bestückte ich mit weissen seidenglänzenden Stoffröschen, mit farbigen Bändern, einem Kissen aus Rosenstoff und Schmetterlingen. Das «Gigampfiross» erhielt eine struppige Mähne, einen ebensolchen Schweif und eine Satteldecke mit Glöckchen dran. 

Im Frühling zügelte ich die Ausrüstung der Kinder mit allem anderen Sommerzeug in das Gartenhaus und im Herbst wieder nachhause zum Überwintern, viele Jahre lang. Ja, in meinem Garten steht auch ein Haus, ein Einraumhaus, die Grundfläche knapp dreimal vier Meter, mit der Haustüre und einem schmalen Fenster an der nach Süden gerichteten Giebelseite und je einem breiteren Fenster nach Ost beziehungsweise West. Darüber liegt ein solides, mit Ziegeln gedecktes Satteldach. Und das Haus ist rot gestrichen, war es immer, genauso wie die kleinen Häuser an den skandinavischen Seen und Fjorden.

Der Garten und das Haus sind real und haben doch sehr viel mit einem Traum zu tun. Schon als Mädchen hatte ich eine Sehnsucht nach den weiten und leeren Landschaften des Nordens, nach Hochebenen und Mooren, nach Flüssen und Seen mit einfachen Häusern an den Ufern, und nach wandernden Völkern. 

Als ich nach meiner Heirat in den Klettgau zog und also sesshaft wurde, hatte ich auf Spaziergängen den Garten bald entdeckt und empfand ihn einfach als schön mit all seinen Kräutern und Blumen und dem kleinen roten Haus, beschattet und beschützt von drei mächtigen Birken, einer Hagebuche und Haselsträuchern.  

Während langer Zeit verspürte ich nie den Wunsch diesen verträumten Ort zu besitzen. Mit unserem alten Kleinbauernhaus, mit Beruf und etlichem anderem war ich ausgelastet und ausgefüllt. Doch dann veränderte sich einiges, es gab Raum für Neues und plötzlich, quasi aus dem Nichts, stand er vor meinem inneren Auge. Die Frau, die dies alles seit Jahren bewirtschaftet, gepflegt und geliebt hatte, war inzwischen neunzig Jahre alt geworden. Ich schrieb eine Karte an sie mit der Bitte es mir zu sagen, falls sie irgendwann den Garten abgeben möchte, da ich zu ihm eine grosse Zuneigung verspüre. Ich steckte meine Botschaft in ein Couvert und schob dieses unter die Türe des Hauses.

Am darauffolgenden Tag rief mich die Frau an, genauer eine jüngere Begleiterin, die ein Handy besass. Sie würden gerne mit mir sprechen. Jetzt? Ja, jetzt, sie hätten eben meine Karte gelesen.

Ich hatte Zeit. Und Herzklopfen. Ich nahm das Velo und war in ein paar Minuten dort. Wir sassen auf der Bank vor dem Haus. Der Garten werde zunehmend zu einer Last. Aus der Familie könne ihn niemand übernehmen. Wenn wir uns preislich finden könnten … Sie, die betagte Gärtnerin, würde sich freuen.

Eigentlich war es ein Gespräch über die Liebe, die Liebe zu diesem Ort. Wir fanden uns.

Ich lebte mich ein und veränderte einiges, langsam. Ich schuf einen Platz für die Erde; das «Feuerhaus» erhielt einen frischen Anstrich; beim Brunnenschacht liess ich eine neue Handpumpe und einen kreisrunden steinernen Trog installieren; und eine schlichte solide Bank hangaufwärts, von der aus man einen weiten Blick in den Klettgau geniesst, widmete ich der Luft/dem Raum. 

Für die vier Elemente singe ich auch, beim Wasserpumpen. 

Einmal, als ich so pumpte und summte und sang und meinen Blick durch den Garten schweifen liess, war mir, als sei die Luft von ganz feinem, tauähnlichem Goldschimmer erfüllt. Ich glaube, es war die Liebe – oder eine ihrer unzähligen Erscheinungsweisen.

Noch einmal zurück zu den Kindern, die jetzt schon gross sind und sich gerne erinnern, wie ich:

Der kleine Prinz reitet durch die Weiten des Klettgaus. Er staunt. Und jauchzt: «Wie schön doch meine Eltern sind. Die Erde so bunt und der Himmel so hoch und beide unendlich liebevoll.»

Und die kleine Prinzessin? Sie sitzt in ihrem rosenbesteckten Schaukelstuhl. Sie schaukelt. Sie schaukelt und lächelt: «Es ist das Herz Menschenkind. Immer ist es das Herz. Folge ihm.»