Eine Tiergeschichte ist immer gut

In meiner Zeit als Journalistin habe ich vieles gelernt. Das Wichtigste war das Fragen, das Fragendürfen. Es hat mich von den Sätzen: «Das geht dich nichts an» und: «Kümmere dich um deine eigenen Angelegenheiten» befreit, zu einem grossen Teil jedenfalls. Ich musste jetzt eine Gwundernase sein, das Fragen war essentiell. Da mich vieles wundernahm, bemerkte ich erst nach ein paar Jahren, dass mein Interesse zweitrangig, aber gut für die Arbeit war, für die Zeitung und alles was dahinterstand. Es dauerte nicht lange und Elisabeth zog weiter, ihren ureigenen Fragen nach, wenn auch nicht so stracks wie das klingen mag. Die Suche glich eher einem mäandernden Fluss. 

Ich zog nicht alleine, sondern mit Markus, meinem Mann, den ich während meinem und seinem Journalistenleben kennen gelernt habe. Das war und ist das Allerwichtigste aus jener Zeit.

Zu den Tieren: Auf jeder Redaktion kommt es vor, dass der vorhandene Stoff etwas dünn oder auf irgendeine Seite zu lastig ist, zu ernst, zu viel Politik, zu viel Elend in der Welt, zu wenig Trost und Unterhaltung. Da kann ein entlaufenes und wiedergefundenes Haustier, ein aus einem Zoo entwichenes Krokodil oder das höchstwahrscheinlich nun doch endlich gesichtete Nessi über die Runden helfen, und wenn man in der Publikumsgunst auf Nummer ganzsicher gehen will, eine Katzengeschichte. Diese Kätzchen sind ja auch, wer möchte das bestreiten, einfach mega.

Ich höre meinen Spott wohl und um mich sofort ein wenig selbst zu erziehen und vom Überlegenheitspodest herunterzuholen, mache ich es jetzt genauso und bleibe im Reich der Tiere. 

Mein geliebter Plastikgoldfisch! Er war das erste Tier, das in mein Leben trat beziehungsweise schwamm. In der Badewanne pflotschen oder an heissen Sommertagen in einem Zuber im Garten – das war grossartig. Und dieses neue Spielzeug, das nicht unterging wie anderes – aufregend, zum Kreischen schön. Der Goldfisch durfte sogar mit mir in meine ersten Auslandferien reisen, nach Italien.

Eine vierköpfige Gruppe, der Fisch nicht mitgezählt, reiste per Zug nach Pietrasanta am Ligurischen Meer – meine Eltern, die Berner Grossmutter und ich.

Das Ferienerlebnis war vielschichtig. Es glaube nur ja kein Mensch, kleine Kinder würden nicht wahrnehmen, wenn etwas nicht stimmt, auch wenn sie es nicht verstehen, oder sie würden es vergessen. Das Zellgedächtnis ist ehrfurchtgebietend grossartig. Es war sehr schwül, nicht nur wegen des heissen Wetters. Die Caramelchöpfli, welche die Kellner der Bambola servierten, blieben mir im Hals stecken. Also ins Bett mit dem Kind in ein grosses abgedunkeltes Zimmer, Vaters Strafe, seine Lust, und Panik, meine Panik.

Am Strand hatte ich Luft – jedenfalls Richtung Meer. Die Erwachsenen dampften dumpf in ihren Liegestühlen. Bei mir war mein Fisch, zum Glück. Er hat mich gerettet. Das Gehen im Sand war neu für mich. Vorsichtig stapfte ich soweit, dass die kleinen Wellen knapp meine kleinen Füsse bedeckten. Das war angenehm, zärtlich, zum Lachen. Das Wasser kitzelte freundlich. Ich legte meinen Freund auf das Wasser – und was tat er? Er schwamm von mir weg und er kam wieder. Meine Aufregung war grenzenlos. Er kam und ging. «Komm zurück, Luszapfe», rief ich, «komm zurück». Ich trippelte vor Begeisterung, hüpfte. «Ins Wasser mit dir, Luszapfe, und komm wieder». Er kam – dem gütigen Meer sei Dank – immer zurück. Er half mir diese seltsamen Erwachsenen vorübergehend auszublenden. Er hat mir das Sonnenglitzern auf dem Wasser gezeigt, die Weite des Meeres, die angenehm kühlen Brisen, das Spiel der Wellen. 

Ich wurde älter, mein Plastikfisch auch. Eines Tages zerbröselte er – zu Goldstaub.

Wo Goldstaub lag glitzert jetzt Mondsilber. Die Nachtaktiven sind unterwegs. Über den Boden füsselt die kleine Maus. Sie trägt meinen Namen und ist bei allen unseren Unternehmungen dabei, zuvorderst. Ihr Näslein ist ausgezeichnet, ihre Augen und Ohren sind es ebenso. Durch die Lüfte nähert sich Uschuma. Ich spüre ihre Nähe, bevor ich das lautlose Schlagen ihrer Flügel wahrnehme. Sie setzt sich auf meine Schultern, manchmal links, manchmal rechts. Häufig hebt sie zu einer Erkundungsrunde ab, die Eule Uschuma, die Weisheit der Erde. Ihr Sehvermögen ist allumfassend, ihre Liebe ebenfalls.

Auch ein zwar altersloser aber stets jugendlich wirkender Mann gehört zu uns. Er trägt eine braune Arbeitshose, einen blauen Tschoope und eine rote Kopfbedeckung. Er erinnert mich an Schellenursli. Ich nenne ihn den Boten. C.G. Jung hätte vielleicht gesagt, es handle sich um meinen Animus, meine mir innewohnende männliche Kraft. Als ich ihm das erste Mal begegnete, sass er in meiner Anderswelt auf einem Holzsteg, der in einen Waldteich hineinragt, und baumelte mit den Beinen. Er hatte auf mich gewartet. Wenn wir unterwegs sind, geht er stets hinter uns, stärkt mir den Rücken, beschützt uns. Warum er «der Bote» heisst? Ich verstehe es selbst noch nicht. Aber er hat es so gesagt.

Unsere Touren können in alle Himmelsrichtungen führen und nach unten, nach oben oder geradeaus, je nachdem, was auf dem Lehrplan steht. Am Ende gehen wir alle wieder unserem eigenen Leben nach. Ich bedanke mich bei meinen Begleiterinnen und dem Begleiter und kehre in den Alltag zurück. Vielleicht reicht es noch für ein paar Stunden Schlaf, oder ich stehe auf. Ein neuer Tag beginnt.

Tiere von dieser Welt aus Fleisch und Blut und Knochen und mit Haut und Haaren lernte ich spät kennen. Grösseren Tieren begegnete ich erst auf dem Bauernhof von Verwandten, wohin ich während der Primarschulzeit und ein wenig darüber hinaus immer wieder in die Ferien durfte. Es war dort wie heute oft nur noch im Bilderbuch: Ein Hund, Katzen, Hühner, Schweine, zwei Pferde, Kühe, ein Muni UND Kälbchen. Sie eroberten mein Herz im Sturm, leckten meine Hände mit ihren kleinen, feuchten und etwas kratzigen Zungen und manchmal auch das Gesicht. Ich hätte bei ihnen im Stall bleiben mögen. Hingebungsvoll kniete ich vor der Chrüpfe und unterhielt mich mit ihnen, sang für sie. Eines wurde nach mir benannt. Mein kleines Kälbchen.

Der Zugang zum Lebendigen war mir nicht in den Schoss gelegt worden. Hier herrschte von früh an ein Gheu, Fachausdruck Endometriose, oder wie es ein Gynäkologe auf Nachfrage meiner Mutter erklärt hatte: «Eine Riesensauerei». Zunächst war ich über diese Ausdrucksweise empört. Als im Laufe der Jahre die düsteren Kapitel in meinem Kinderleben und die Verwirrungen in meinen Herkunftsfamilien zutage traten, verstand ich den Arzt und meinen Körper: In diesem Stil konnte und wollte ich nicht weitermachen. Keine Kinder, stattdessen aufräumen, Schicht um Schicht, innen und aussen. 

Bevor wieder Licht in mein Leben kam, hatte ich Ängste vor Katzen und Hunden entwickelt und getraute mich nicht mehr, Tiere in den Arm zu nehmen, zum Beispiel unsere jungen Schafe. Ich fürchtete sogar, dass sie durch mich sterben könnten. Ich überliess all die direkten Kontakte zu Tieren meinem Mann Markus, aufgewachsen in einer Bauernfamilie, und ich redete mir ein, so gut wie er könne ich das niemals. Eines Tages siegten dann mein Mut, mein Verstand und mein Wille über diesen Unsinn. Ich sass in der Küche mit Blick auf die Schafweide und die zweitägigen Lämmchen und redete mit mir, sehr ernst. Es ging um Leben und Tod, um mein Leben oder ein Dahindümpeln als Zombie. Jeden meiner Schritte plante ich und ich würde um keinen Preis, keinen, ins Haus zurückkehren ohne vorher mindestens ein Lämmlein aufgehoben, gestreichelt und herumgetragen zu haben. Ich schwitzte Blut. Ich habe es geschafft.

Am Abend desselben Tages erreichte mich die Nachricht vom Tode meiner Mutter. Sie war nach kurzer Krankheit gestorben. Ihre Tochter hatte nach fast fünf Jahrzehnten auf diesem Planeten einen weiteren Schritt ins Leben gewagt.