Die Fotografie

Ich liebe es, dieses Bild, schwarz–weiss, aus dem Jahr 1954. Da steht ein kleines Mädchen, zweijährig, auf einer Wickelkommode. Dahinter hängt ein Wandbehang mit einem Güggel, einem Schneemann, Blumen, einer Ente. Das Kind trägt ein sehr langes Nachthemd über das es leicht stolpern könnte, aber im Moment rennt es ja nicht. Es streckt seine Arme weit von sich. Den Ringfinger der rechten Hand hat es in die Aufhängerschlaufe eines hölzernen Hampelmannes gefädelt, mit der linken hält es die Schnur, an welcher Hampelmänner zum Turnen bewegt werden können. 

Weil ich dieses Kind bin, sehe ich nicht nur auf dem Foto, sondern weiss es in mir, dass ich mit diesem Spielzeug noch nicht wirklich umgehen kann, das heisst, die eine Hand stillhalten und mit der andern ruhig und senkrecht nach unten ziehen. Doch das ist vollkommen unwichtig. In dem zarten Gesichtlein sehe ich nur Freude, Interesse, Begeisterung. Wenn ich meine Arme leicht bewege, klappert der Hampel und er bewegt sich, wenn auch nicht richtig, also, für die Erwachsenen nicht richtig. Werde ich energischer, wird er lauter, was mir sehr gut gefällt. Ich werde übermütig, aber das liegt schon ausserhalb der Fotografie, ein Bein verdreht sich, ein Arm. Nichts geht mehr. Böser Hampelmann.

Es gibt viele Fotografien von mir, von kurz nach meiner Geburt bis etwa fünf Jahre alt. Mein Vater fotografierte gerne, entwickelte die Bilder selbst, machte kleine Fotobücher für Gotte und Götti, Gross- und Urgrosseltern, und meine Mutter führte ein Album über und für mich, mit kurzen Kommentaren: «November 1954; 2 Jahre alt und immer fröhlich! Das Plaudern macht Elisabeth weniger Mühe als das Essen! Es spricht schon in kleinen zusammenhängenden Sätzen und recht verständlich. Gewicht 11kg, Länge 89cm, Zähne 12.»

Ich hatte als Kind und weit darüber hinaus einen Widerwillen gegen das Fotografiertwerden. Die kleinen Bücher – sie kamen nach dem Tod der Ahnen zu mir zurück – hätte ich am liebsten weggeworfen. Aber: «Umarme deinen Schatten» oder: «Ab in die Dunkelkammer.» Es gibt sehr viele Nacktfotos von kleinmir. Ich konnte sie kaum anschauen, jahrelang. Sie waren mir peinlich, ich schämte mich vor mir selbst und über mich. Das war mir unerklärlich bis ich erkannte, dass ich mich mit dem Blick des Fotografen sah. Er war nicht nur ein Voyeur.

Wenn wir zu einem Klassenfest oder bei anderer Gelegenheit ein Foto aus der Kinderzeit mitbringen sollten, wählte ich immer «Elisabeth mit Hampelmann». Ich hatte es aus meinem Album gelöst und so lag es bereit. Auch für mich. In diesem Bild erkannte ich mich als liebenswertes, freudvolles, freies kleines Mädchen – im Schutzmantel meines Nachthemdes. 

Ich wagte mich an andere Fotos, häppchenweise, zuerst an die, auf denen ich angezogen bin, und sehr vorsichtig an die blutten. Zuvor sage ich zu mir: «Schau mit deinen Augen. Das bist du.» Und was sehe ich? Liebe. Oder, um es mit den Worten des Dichters zu sagen: «Und jedem Anfang liegt ein Zauber inne.»